Wiebke Logemann

“Notiz”

Installation, 2011

Material: Filzstift, PostIt, Tisch, Stuhl, Kopfhörer, MP3

Größe Arbeit Wand: ca. 4 x 3 m

Interview von Erhard Schmallinger mit Wiebke Logemann am 17.10.2011 in ihrem Atelier in Oldendorf

Schmallinger: Erste Frage, ganz direkt und persönlich: am 26. April 1986 waren Sie 23 Jahre alt – wissen Sie noch, was Sie an diesem Tag gemacht haben?

Logemann: Ich war in der Marktstraße unterwegs, ich habe in Hamburg gelebt, Marktstraße Hamburg, Karolinenviertel, habe da gejobt, und ja, genau, da ist mir das zu Ohren gekommen mit der Kernschmelze in Tschernobyl – weiß man tatsächlich noch.

Schmallinger: In Ihrer neuen Arbeit beschäftigen sie sich mit der zivilen Nutzung von Atomkraft – nicht ohne erhobenen Zeigefinger und mit eindeutiger Ausrichtung gegen die Atomkraft. Ein Ausdruck persönlicher Betroffenheit, auch biografisch motiviert – oder doch eher ein notwendiges Beispiel politischer Themen und deren Mechanismen?

Logemann: Ja, beides wohl, wobei ich nicht sagen kann, welcher Anteil jetzt höher ist; ich würde ja nicht dieses Anliegen haben, jetzt Themen zu benutzen, die politisch unterfüttert sind wenn mich das nicht eben auch persönlich und rein emotional betrifft.

Schmallinger: Also wird das politische dann irgendwann wieder privat und auch umgekehrt…..

Logemann: Es ist einfach auch nicht zu trennen, wenn ich mich beim Frühstück über politische Themen unterhalte ist das privat – aber es bleibt ja ein politisches Thema.

Schmallinger: Und Kunst? Wie politisch sollte Kunst denn sein? Kann Kunst das überhaupt? Oder muß sie es sogar?

Logemann: Ist eigentlich eine ähnliche Frage, wie sich das manche Popmusiker vielleicht auch stellen, die sagen: wenn ich schon Musik mache dann soll das irgendwie eine inhaltliche Aufladung haben, das ist so eine Argumentation, die man durchaus führen kann und die auch eine Rechtfertigung hat – das heißt ja nicht, daß sämtliche Popmusik jetzt so eine Ausrichtung haben muß und das ist einfach auch eine persönliche Entscheidung: es gibt Menschen, die malen schöne Bilder, das ist deren Motiv und das hat genau so eine Rechtfertigung; aber für mich ist das ein Bedürfnis da schon einen politischen Hintergrund in der Arbeit zu haben.

Schmallinger: Und Sie glauben auch, Kunst kann das leisten? Auch wenn das jetzt nicht so plakativ ist, wie Klaus Staeck, sagen wir mal, also etwas, das eindeutig als Politkunst eben angelegt ist…

Logemann: Naja, ob sie das leisten kann das liegt ja auch an dem Ergebnis, und an den Betrachtern – ob das dann eben geglückt ist, oder ob der Zeigefinger zu hoch erhoben ist… das kommt ja dann darauf an, wie man das darstellt und wie man eine solche Komposition, eine solche Mischung herstellt…

Schmallinger: Ihre Arbeit besteht ja nicht nur aus den kleinen Zetteln mit dem AKW Muster, sondern auch aus einer Sitzgelegenheit, an der man sich via Kopfhörer eine Tonspur anhören kann. Dabei handelt es sich um Prof. Tonda, der die Werte der Strahlungsbelastung rund um Fukushima nach dem SuperGau vom 11. März diesen Jahres verliest. Nun spreche ich zufällig Japanisch, aber für jemanden, der dieser Sprache nicht mächtig ist, gibt es keinerlei Möglichkeit den Inhalt dieser Tonspur nachzuvollziehen. Wieso haben Sie auf einen entsprechenden Hinweis verzichtet?

Logemann: Weil mir das zu plakativ gewesen wäre – es ging mir in erster Linie nicht darum, den Rezipienten klar zu machen, was er sagt – sondern in dieser Tonspur spielen Parameter mit, die ausreichend sind, um den  Bezug zu dieser Arbeit herzustellen. Also daß das Japanisch ist, darauf kann man kommen und wenn man sich das genau anhört, kann man auch die Unterschiede im Tonfall differenzieren – daß heißt, er kommt dann auch in dramatische Situationen, was man hört. Also unterfüttert die Sprache diese Arbeit mit einem emotionalen Gestus. Eher wie ein Stilmittel. Zusammen mit dem was der Betrachter an Wissen mitbringt.

Schmallinger: Wenn man sich das Feld der Zeichnungen beschaut, bekommen die kleinen Atomkraftwerke durch diese Zerstückelung der Motive einen sehr ornamentalen Charakter – das könnte ja auch schon ein textiles Muster sein, oder eine Tapete. Drängt sich da das Thema Atomkraft ins heimische Wohnzimmer?

Logemann: In gewisser Weise: ja. Also die Anordnung in Ornamente entfernt sich ja von etwas tatsächlich Gegenständlichem und bekommt etwas unendlich zu Vervielfachendes und dadurch eine gewisse Banalität. Die findet man in Wohnzimmern an den Tapetenmustern, die findet man an der Kleidung, damit bekommt das eine Dimension, die nicht so konkret ist sondern eine Ebene, die zum Allgemeingut gehört.

Schmallinger: Sie haben “Illustration” studiert und “literarische Zeichnung” (an der Hochschule für angewandte Wissenschaft) – haben Sie nicht die Befürchtung, daß diese Arbeit mehr illustriert als tatsächlich aufzuzeigen? Die Position, die Sie hier gegenüber der Atomkraft vertreten, sind ja doch mehr oder minder Allgemeingut (also zumindest in unseren Kreisen)  – was macht diese Arbeit zu Kunst?

Logemann: Ich seh nicht grundsätzlich einen Widerspruch von Illustration und Kunst, das ist ein alter Disput, den die freie Kunst gegenüber den Illustratoren schon  immer gepflegt hat, mehr von der freien Kunst ausgehend. Aber ich sehe das jetzt nicht als Bedingung, daß wenn ich illustriere, daß das jetzt en passant keine Kunst ist. Ob diese Arbeit jetzt im besten Sinne aus meiner Herkunft als Illustratorin kommt, das bezweifele ich, denn gerade bei dieser Form der Arbeit hatte ich das Gefühl, mich sehr weit davon entfernt zu haben.

Schmallinger: Und die Reaktionen des Publikums?

Logemann: Ja, wie soll man sagen – gut ! (lacht) hauptsächlich emotional. Es haben sich dann allerdings doch Gespräche angeschlossen, die sich nicht mit der Arbeit an sich befasst haben, sondern direkt immer mit dem Thema der Katastrophe und Atomkraft. Also ich habe damit im Grunde vielleicht den Anstoß gegeben, den ich geben wollte – habe dann aber den Nachteil, daß man sich weniger mit meiner Arbeit als Künstlerin beschäftigt, sondern mit der Thematik, die dahinter steht, aber das Risiko gehe ich gerne ein.

Schmallinger: Mitte des Jahres ist das “Atombuch” von Esther Gonstalla erschienen – als Diplomarbeit im Fach Informationsgestaltung an der FH Münster – mit Infografiken über den weltweiten Nutzen und Schaden von Kernenergie. Die Grafiken zeigen auch formale Verwandtschaftsverhältnisse zu Ihrer Arbeit. Kannten Sie das Buch?

Logemann: Nee, das kannte ich nicht – ich bin von einem Kollegen netterweise darauf hingewiesen worden, habe mir das dann auch angeguckt – eine sehr schöne Arbeit, die aber eigentlich nur formal, gerade weil sie das  Symbole des Atomkraftwerkes aufgenommen hatte, aber eben nicht inhaltlich gleichzustellen ist, weil Infografik einen anderen Schwerpunkt setzt. Wenn auch insgesamt die Aussage dieser Arbeit kritisch war.

Schmallinger: Für ihre Arbeit haben Sie zu diesen kleinen praktischen Klebezetteln (Post-it) gegriffen – ein Kommentar zum aktuellen Post-it-war, dessen Bilder ja ihre ganze eigene Formsprache stringenterweise aus den Bildschirmmedien beziehen – oder doch eher eine Rückführung auf ein Bürokratenmedium?

Logemann: Mit dem Post-it-war hat das nichts zu tun (lacht), die Wahl dieser Zettel hatte mehrere und andere Gründe: das ging erstmal nur vom Material aus und ich bin dann in einer Folgerichtigkeit bei diesen Post-it-Zetteln gelandet, weil es dann auch diese Schiene des Büro-Aktes, des Verwaltungsaktes bebildert und diese Beliebigkeit des Hinzufügens und Wiederwegnehmens.

Schmallinger: Jedenfalls bekommt die Zeichnung als Gesamtensemble durch die Wahl der Zettelchen als Trägermedium einen sehr fragilen Charakter. Daraus ergibt sich doch ein sehr starker Gegensatz zu dem Dargestellten und Implizierten: Endlager für die halbe Ewigkeit, Strahlungszeiten, welche die Dauer bisheriger menschlicher Zivilisation weit in den Schatten stellt, 250.000 Kubikmeter Beton für den Sarkophag von Reaktor 4 – und dagegen Ihre flatterigen Zettelchen, deren geringe Halbwertszeit uns allen geläufig ist: denn spätestens in zwei Monaten hängt det nicht mehr an der Wand……..

Logemann: Das ist natürlich auch ein Kommentar zu der Verfallszeit der medialen Aufmerksamkeit. Das ist ja auch ein Grund warum ich eben so stark zu solchen Themen arbeite: die Dramatik ist groß, das Geschehen ändert sich nicht wirklich aber die Aufmerksamkeit verschwindet diametral zu (in diesem Beispiel) den Verfallszeiten der Radioaktivität – daher wäre es das richtige Material um eben diesem Gegensatz Ausdruck zu verleihen.

Schmallinger: Stimmt! Die Folgen der Katastrophe und die Katastrophe selbst sind ja noch gar nicht unter Kontrolle oder kontrollierbar. Aber das Thema ist bereits weitgehend aus den Medien verschwunden.

Können Sie sich vorstellen, daß die Kunst zunehmend ihre Bedeutung als kommentierendes Element verliert, zu Gunsten eines bewahrenden und dokumentarischen Charakters? Immerhin werden ja durch die Aufmerksamkeit welche die Kunst auf bestimmte Phänomene lenkt, die Phänomene wieder mit Bedeutung aufgeladen, oder vor dem Vergessen bewahrt…

Logemann: Ja, das bedeutet das ja im Grunde. Es ist ja auch nicht mein erstens Anliegen, etwas in die Welt hinauszupusten – das geschieht ja durch mein Internetprojekt, was ich seit Jahren ja so betreibe, daß ich solche Sachen dann ins Netz stelle und somit auch präsent mache.

Aber diese Arbeit ist natürlich auch ein Kommentar, es ist ja eine flüchtige Installation, die jetzt so nicht mehr zu sehen ist – beinhaltet aber trotzdem einen Standpunkt und solange das Kunstwerk existiert und wieder gezeigt werden kann, sorgt es dafür, daß das Thema nicht in Vergessenheit geraten kann. Und solange dieses Bestand hat, greift es immer wieder darauf zurück und hat auch eine Dauer innerhalb der Aussage.

Schmallinger: Letztes Jahr (2010) haben Sie sich am Unglück der Ölbohrplattform Deep Water Horizon abgearbeitet, dieses Jahr an der Katastrophe von Fukushima – was kommt als nächstes?

Oder anders gefragt: sehen Sie sich auch als eine Art Katastrophentourist?

Logemann: (lacht) Jaha, das ist natürlich ein berechtigter Einwand und in gewisser Weise stimmt das auch. Ähm, damit habe ich natürlich auch lange gerungen, denn speziell Fukushima ist ja jetzt ein Thema von dem nicht zu erwarten ist, daß man es in absehbarer Zeit beenden kann und ich mache mir schon Gedanken darüber, wie ich das jetzt fortführen werde. Mit dieser Thematik muß ich mich natürlich der Problematik stellen, daß ich mich über Katastrophen profiliere – man ist vielleicht klarer davor, wenn man sagt: ich male Aquarelle von Landschaften, dann braucht man sich solchen Fragen eben nicht stellen, wenn sie gut sind, sind sie auch Kunst.

Schmallinger: Ihr Künstlerkollege Manuel Zint hat Ihnen einmal in einer Laudatio zugestanden, “jeglichen Pathos in Ihrer Arbeit bravourös zu umschiffen und so einen ästhetischen Blick auf gewichtige Themen zu ermöglichen“. In Ihrer neuen Arbeit tritt die Ästhetik nun stark in den Hintergrund; teilweise zu Gunsten des Pathos, wenn man jetzt beispielsweise an die Tonspur denkt – Ausdruck einer stärkeren emotionalen Betroffenheit?

Logemann: mit Sicherheit, ja. Und ich habe sehr daran gearbeitet, diesen Pathos möglichst zurückzuhalten, aber das war in dieser Arbeit nur bis zu einem gewissen Grad möglich.

Schmallinger: zum Abschluß noch ein zynisches Bonmot der Extraklasse: anläßlich des zehnten Jahrestags der Explosion von Tschernobyl fiel der Regierung nichts besseres ein, als die Schutzhülle um die Reaktorruine extra neu anstreichen zu lassen! Ihr Kommentar:

Logemann: (lacht) Ich find Plastikhüllen besser (lacht dreckig). Ja. Doch !

Schmallinger: Plastikhüllen?

Logemann: Also das konnte man gestern den Medien entnehmen – auch nur kurz, in der Zwischenzeit sind das nur noch die Tagesschau und die Heute-Sendung die überhaupt noch mal darüber berichten – gestern wurde berichtet, daß man als nächste Lösung gegen die erhöhten Strahlenwerte den ganzen Kram einfach in Plastikhüllen einschweißt….

Schmallinger: ich danke ihnen für dieses Gespräch.

Logemann: ja bitteschön

 

Alle Fotos sind von Hauke Hille

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