Manuel Zint

“Die Expeditionsagentur”

Installation mit Kiste, Exponaten, Texten, 2011

ca. 180x180x60 cm

Die  Expeditionsagentur des Archibald Pendergast

In den Jahren 1895 – 1914 unterhielt der Brite Archibald Phillibold Pendergast auf dem europäischen Kontinent ein außerordentliches Geschäftskonzept: ein geheimes Büros für die Organisation und Durchführung  nicht existenter, fiktiver, Expeditionen.

Dabei bediente er ein besonderes Interesse der gehobenen Gesellschaft dieser Zeit:
Abenteuerlust und eine ständige Präsenz des Exotischen durch die eigenen Kolonien förderten das Fernweh der Mitteleuropäer. Die großen Entdeckergeschichten taten ihr übriges, um in jedem gestandenen Mann den Wunsch zu wecken, an einer Expedition teilzunehmen. Reisen auf andere Kontinente und in unbekannte Länder waren einfach en vogue. Demgegenüber entsprachen oftmals weder die psychischen noch die physischen Konstitutionen der Betreffenden den Anforderungen an solche Unternehmen. Folgerichtig mußte sich zu einem bestimmten Zeitpunkt dieser Entwicklung der Gedanke einstellen, die bloße Attitüde des “Reisenden” müßte hinlänglich genügen, um die tatsächlichen Belange der gehobenen Gesellschaft zufrieden zu stellen.

In diese Lücke sprang nun Pendergast mit dem Angebot, die Teilnahme an einer angeblichen Expedition vorzutäuschen, die Kunden an einem abgeschiedenen Ort gehobener Luxusklasse ihre Zeit absitzen zu lassen und dementsprechend die nachvollziehbaren Ergebnisse der Reise zu fälschen.
Ermöglicht wurde ihm dieses durch ein Netz von Agenten in allen Erdteilen, welches er während seiner Tätigkeit als Handelsadministrant der britischen Krone aufgebaut hatte. Diese Männer besorgten vor Ort nicht nur die notwendigen Mitbringsel als Expeditionsergebnisse, sondern auch entsprechende Anekdoten, Landschaftsbeschreibungen und Fotografien. Besonders der Postdienst spielte bei der Aufrechterhaltung der Täuschung eine große Rolle, wobei die Urheber der Korrespondenz in irgendeinem Schwarzwälder Gebirgsgasthof handschriftliche Reiseberichte und Briefe ihrer vorgeblichen Abenteuer in Afrika, Amerika und Asien verfassten.

Glanzstücke der vorzeigbaren Reiseerinnerungen waren die Expeditionskisten, die – gefüllt mit allerhand Kuriositäten – in die Heimat geschickt wurden. Dabei waren die Kisten so konzipiert, daß sie als Mittelding zwischen Transportsicherung und Schaukasten fungierten. So wurden die Kisten zumeist nicht an die private Adresse des Kunden geschickt, sondern an eine öffentliche aus seinem direkten sozialen Umfeld, wie dem Golfclub, dem Jagdverein oder einem Gentlemens Club, woselbst die Kiste unter Anwesenheit aller Bekannten und mit großem Hallo vom Expeditionsteilnehmer geöffnet wurde, so er denn endlich nach Hause zurückgekehrt war.

Die Erfolgsgeschichte der Expeditionsagentur endet sinnigerweise mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs. Das Interesse der gehobenen Gesellschaft richtete sich viel zu sehr auf das Kriegsgeschehen als daß sich mit der Teilnahme an einer Expedition – ob gefälscht oder auch nicht – noch die Aufmerksamkeit erregen konnte, die einen solchen Aufwand an Zeit und Geld gerechtfertigt hätte.
Auch die Spur von Archibald Pendergast verliert sich im ersten Jahr des Krieges – ob er tatsächlich eine äußerst erfolgreiche Karriere beim Geheimdienst der königlich britischen Marine begann, wie vielfach behauptet wird – oder ob er 1915 von einem französischen Peleton als Hochverräter standrechtlich erschossen wurde, weil er versucht hatte, einen Fronttourismus mit nachgestellten Scharmützeln und gefälschten Orden zu organisieren – oder ob es sich bei beiden Männern nur um jemanden gleichen Namens handelte, wird sich nicht mehr klären lassen.

Außerfrage stehen jedoch die Auswirkungen, die diese angeblichen Expeditionen auf viele Gebiete des gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens gehabt haben und noch haben – das Ausmaß  kann allerdings lediglich geschätzt werden.
Viele der heute gebräuchlichen Stereotypen über fremde Länder und Kulturen gehen sicherlich auf die Salongespräche jener Personen zurück, welche diese Länder eben nicht bereist hatten – und dementsprechend auf allgemeine Plattitüden angewiesen waren.
Besonders schwer betroffen ist jedoch die Zoologie, vor allem im Bereich der Taxonomie – der Einordnung der Lebewesen in biologische Systeme.  Pendergasts Agentur hat in den zwanzig Jahren ihrer Wirkungszeit geschätzt mehrere zehntausend Exemplare verschiedener Spezies unter völlig willkürlichen Herkunftsangaben und Phantasiebezeichnungen in die Sammlungen Europas verbracht.  Erst mit der technischen Möglichkeit, die biologischen Verwandtschaftsverhältnisse über die Genanalyse klären zu können, ist die Wissenschaft in der Lage, Licht in das verworrene Dunkel der Museumsregale zu bringen – eine Aufgabe, die noch die nächsten Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Die Zoologen revanchieren sich mit trockenem Humor, indem sie  neu entdeckte Arten besonders garstiger Spezies nach Pendergast benennen – die bekannteste ist wohl “Pyrrhocoris Pendergastii“.
Bei dem schillernden Kerbtier handelt es sich – Nomen est Omen – um eine so genannte “Trugwanze”……

Die Kiste  aus dem Übersee-Museum

Das einzige bislang entdeckte Relikt, welches sich schlüssig mit der Expeditionsagentur Pendergast in Verbindung bringen lässt, ist eine Kiste mit Souvenirs, die aus den Beständen des Bremer Übersee-Museums stammt.
Die Kiste wurde 1909 aus Brasilien an einen Hans Peter Krusenstern unter der Adresse der Museums geschickt und von diesem augenscheinlich nicht abgeholt, so daß sie ungeöffnet in den Lagerräumen verblieb.
Erst bei einer Durchsicht des entsprechenden Raumes im Jahre 2008, wurde der Kiste erstmals Aufmerksamkeit zuteil – sie steht im Zusammenhang mit der Forschungsreise eines zwielichtigen Itzehoer Hobby-Antiquars, welcher im September 1908 zu einer Südamerika-Reise aufbrach, von welcher er nicht mehr zurückkehrte – wahrscheinlich aus Gründen finanzieller Schwierigkeiten mit Gläubigern in seiner Heimat.

Neben der auffälligen Stimmigkeit zwischen Krusensterns Unseriösität und Geltungsdrangs sind es vor allem zwei Faktoren, die eine Verbindung mit der  Agentur Pendergast nahe legen:
der erste betrifft die Zusammenstellung der Exponate und ihrer Fundorte, wie sie einem handschriftlichen Packzettel zu entnehmen sind. Alle Fundorte lassen sich den Örtlichkeiten einer von Pendergast angebotenen Südamerika-Reise zuordnen – der legendären Route III, die vom Rio Bravo del Norte ausgehend über die Sierra Madre, das Hochland von Peten, und zu den kleinen Antillen führt, und von einer Schleife über Minas Gervais und Rio Grande do Sul schließlich im Amazonasgebiet endet.
Der zweite Faktor betrifft einen weit reichenden Fehler: die drei Meeresschnecken, die der Sendung beiliegen (Murex Trocheli, Conus Maldevi, Murex Haustellum) kommen in den Meeren um Südamerika gar nicht vor, sondern stammen von der Ostküste Afrikas. Die eigentliche Fehlleistung zeigt sich aber in der Beschriftung der Schnecken, in der als Fundort “westindische Inseln” angegeben ist – eine offenkundig rein sprachliche Verwechslung der Karibik mit ihrem eigentlichen Verbreitungsgebiet, dem “westlichen indischen Ozean” und den daraus resultierenden Folgen, womit sich allein schon durch die Charakteristik des Fehlers die Unwahrscheinlichkeit einer tatsächlichen Reise offenbart.

 

“Wandertheater im Walde”

Fotografische Installation, 2011,

5 C-Prints, je 18,6 cm x 13,7 cm, Lupe

Gezeigt werden fünf Fotografien in der Anmutung historischer Schwarz-weiß-Aufnahmen. Die Aufnahmen zeigen eine Lichtung im Wald, welche durch Kunstfelsen und Baumstämme in eine Kulissenlandschaft verwandelt wurde. In dieser Bühnensituation stellen angeblich gezähmte Wildtiere Schlüsselszenen aus den Dramen Shakespeares nach. Neben einer Eingangsszene mit einem Hinweisschild auf den Betreiber der Menagerie und einem Schlussapplaus sind dieses die Schädelszene aus Hamlet, die Balkonszene aus Romeo und Julia und der Tod der Desdemona aus Othello. Durch die Betrachtung mittels einer Lupe werden nicht nur einzelne Bereiche und Figuren deutlicher,  sondern ändert sich auch der Charakter des gezeigten Ausschnittes: einzelne Vignetten entstehen, die in ihrem Ausdruck der gesteigerten Farbigkeit und  Körnigkeit der Fotografie noch urtümlicher wirken und somit wie ein Zeitfenster fungieren.

 

 

“Märchentresor”

Installation mit Projektion, 2004

50x60x70 cm

In einem freistehenden Tresor (Fundstück) werden mittels Leuchten kleine Bilder an die blank geschliffene Rückseite projeziert. Dabei handelt es sich um vier Motive, die einem kommerziellen Kinderspielzeug entnommen sind, einem so genannten “Klickfernseher” . Die Bildmotive zeigen Schlüsselszenen aus den Märchenerzählungen “Aschenputtel”, “Der Froschkönig”, “Rotkäppchen” und “Schneewittchen”. Die Projektionen erscheinen lautlos und alternierend an verschiedenen Positionen der Rückwand, zwischen dem Aufleuchten der einzelnen Bilder gibt es kurze Momente völliger Dunkelheit. Die Tür des Tresors ist in einem bestimmten Winkel festgesetzt und gibt somit einen Ausschnitt des Blickfeldes vor; die Bilder können nur betrachtet werden, wenn man sich direkt vor den Tresor kniet oder in selbigen hinabbeugt. Dabei bleibt die Rolle des Tresors als einsperrendes oder schützendes Element ambivalent, steigert die in ihm befindlichen Dinge aber in ihrer Wertigkeit: die in ihm enthaltenen Phänomene werden durch seine Funktion a priori wertvoll. Die wuchtige Massivität des Stahlschrankes und eine olfaktorische Aura von Eisen, welcher man durch die erzwungene Nähe bei der Betrachtung ausgesetzt ist, kontrastieren die Fragilität und Flüchtigkeit der Illuminationen. Diese wiederum fungieren als überdichte Platzhalter noch viel fragilerer und flüchtigerer Kindheitserinnerungen, welche ihren Ankerpunkt in Bildmanifestationen aus dem kollektiven Bewußtsein einer Generationen finden. Durch die Auswahl der Motive, die eine Mädchenfigur im Wald zeigen, wird ein inhaltlicher Bezug zum mittelalterlichen Begriff des Hortus Conclusus hergestellt, der Mariendarstellung im Paradiesgärtlein. Es ist diese Abgeschlossenheit, die Steigerung der Wertigkeiten und der Aspekt der Illumination, welche letztendlich einen Erleuchtungszustand hervorrufen.

Alle Fotos sind von Hauke Hille

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