Christian Richter

“Flüchtig”

Rauminstallation, 2011,

320x340x300 cm, ca 200 Einzelexponate
Die Arbeit besteht aus der gesamten Einrichtung eines Zimmers mit Möbeln, Leuchtmitteln und persönlichen Gegenständen und kann von der Tür aus betrachtet, aber nicht betreten werden. Die Zusammenstellung der Gegenstände evoziert ein unkonkretes, aber gedankliche Schubladen bedienendes Bild vom Benutzer des Zimmers, bei dem es sich hier um eine fiktive Person handelt, die im Umfeld der indigenen Bewohner der Stadt verortet wird – im Anklang an ein Jugendzimmer. Hier wird eine angenommene Lebenswirklichkeit gestaltet, die an vorgefundene Entsprechungen in der ortsspezifischen Bevölkerung über Plakate und Fotografien von der Stadt, örtlichen Vereinen und Abiturjahrgängen andockt. Allerdings sind die Gegenstände, die einen tatsächlichen Aufschluß über die Identität des Zimmerbewohners erlauben könnten, wie die angesprochenen Plakate und Fotografien, sowie Hüllen von CDs , Computerspielen und DVDs in ihrer Ansicht verfremdet: sämtliche Bildmotive sind soweit verpixelt, also optisch verschlüsselt, daß sie nicht explizit erkannt werden können. Lediglich dem Betrachter, der über ein entsprechendes Eigenwissen aus demselben Fundus an szenetypischen Symbolen und Ikonen verfügt, gelingt eine Decodierung über die Anmutung der Bildelemente und damit eine Annäherung an die gedachte Person. Da eine konkrete Personifizierung nicht vorgenommen werden kann, entsteht so der Eindruck von der titelgebenden Flüchtigkeit. Die Installation hat temporären Charakter, und so fungieren sämtliche Gegenstände im Sinne von Requisiten, denen keinerlei Eigenständigkeit zukommt – vielmehr zeigt sich hier eine Verwandtschaft mit den flämischen Genre-Stileben des frühen 17. Jahrhunderts. Ähnlich wie in den Vanitasbildern und Prunkstileben bekommen hier die gezeigten Objekte in ihrer Beziehung zu dem gesamten Interieur eine Symbolfunktion und bringen eine eigenständige Ikonografie mit sich, die sich in diesem Fall aus Jugendkultur und Parallelkultur speist. Schlußendlich mündet dieses Verwandtschaftsverhältnis im Bereich des Trompe-l´ oeil, also der bewußten Augentäuschung, in der zwischen Wirklichkeit und Dargestelltem nicht schlüssig unterschieden werden kann, da sich in diesem Fall die konkrete Manifestation des Dargestellten durch die Verfremdung dem Rezeptionsprozess entzieht und lediglich als optische Täuschung ins Bewußtsein des Betrachters gelangt.

 

“Ein Soldat”

Plastik/Skulptur, 2006,

70x50x30 cm Gips, Holz, Farbe

Die Arbeit “Ein Soldat” beschäftigt sich mit den bildhauerischen Themen der Änderungen von Größenverhältnissen und Material. Dabei fungieren divergierende Fertigungsmethoden als Zwischenschritte und Spurenverwischer im Ablauf des Prozesses von der Grundform (im Sinne einer Idee) zum fertigen Werkstück (im Sinne einer Manifestation). Gezeigt wird hier eine Menschenfigur, die durch Kleidung, Ausdruck und Ausrüstungsgegenstände sowie Einfärbung als Soldat zu identifizieren ist. Sie steht auf einem Sockel, die wie eine Transportkiste gestaltet ist, inklusive spezifischer Inhaltsangaben in Schablonensprühschrift. Bei der Figur handelt es sich augenscheinlich um die Vergrößerung eines Spielzeugsoldaten, der seine Herkunft als billigstes Plastikobjekt nicht verbergen kann und soll. Vielmehr wird eine Ästhetik der Fehlpressung überbetont, Verschiebungen und Grate, die sich durch mangelhafte Gußformen ergeben, werden minutiös nachmodelliert und ausgearbeitet – und dadurch erst ins Bewußtsein gehoben. Teils scheint die Figur einem Gießprozess zu entstammen, teils scheint sie aus einem Block herausgeschnitzt worden zu sein. Diese Unklarheit im Fertigungsprozess ruft eine gewollte Ambivalenz hervor und verschiebt die Charakteristiken der technischen Fertigung in die  Bedeutungsebene. Hier wird das Spannungsfeld zwischen Stereotyp und Individuum verhandelt: inwieweit kann die Abbildung eines Soldaten noch als Abbildung eines Einzelmenschen gesehen werden? Wie stark arbeitet eine äußerliche und inhaltliche Prägung durch Uniformisierung und strikte Zuweisung eines Rollenverhaltens gegen die Unabdingbarkeit menschlicher Einzigartigkeit? Da das Werkstück in seinem Wesen einer Auflagenarbeit entspricht, also gekennzeichnet ist durch eine Gußform, welches Wiederholbarkeit und Massenfertigung impliziert, stellen sich hier Parallelen zu der Frage nach Menge und Einzelwesen, namentlich, ob ein Soldat bereits eine Armee darstellt, beziehungsweise an welchem Punkt sich ein Schritt vom Individuum zur pseudogefährlichen Masse vollzieht. Auch die Transportkiste unterstützt diesen Eindruck von Verfügbarkeit – einzig die geschnitzten Elemente gestatten der Gestalt einen letzten Rest an Individualität, bezeichnenderweise nicht im Gesicht, sondern am Sockel der Figur. Diese bedient sich mit einem Kinderspielzeug – entnommen aus dem allgemeingesellschaftlichen Designpool – eines runtergebrochenen  Symbols für Rollenfindung.

Alle Fotos sind von Hauke Hille

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