Archiv für Kulturpolitik in Itzehoe

Stadt und Kultur – Selbstverständnis, Erwartungen, Problemfelder

Diese knappe Einführung aus Sicht vierer Kulturschaffender – studierter bildender Künstlerinnen und Künstlern – soll Fragestellungen formulieren, die sich mit der Situation von Kultur, ihren Produzenten, Verlegern, Interpreten und Institutionen im Gefüge der Stadt als Gesellschaft und als Konstrukt der städtischen Kulturpolitik befassen. Im Einzelnen geht es um Leistungsmerkmale der Kultur und ihre gesellschaftliche Relevanz, um notwendige Maßnahmen zur Unterstützung des Kulturstandortes, sowie den Bedarf einer Beratungs- und Entscheidungsstruktur im Dialog zwischen Kultur und Stadt.

„Kann die Kultur die Stadt noch retten?“

In seiner ersten Rede im Wenzel-Hablik-Museum hatte unser amtierender Bürgermeister Dr. Andreas Koeppen von „Kultur als weichem Standortfaktor“ gesprochen. Mittlerweile scheint die kulturelle Identität einer Stadt eine weitaus härtere Währung geworden zu sein, als beispielsweise Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten oder gefüllte Stadtsäckel – anders lassen sich Phänomene wie „Berlin“, oder die millionenschwere Imagekampagne  von Marseille als Kulturstadt nicht deuten.

Dementsprechend ist die Fragestellung: „Kann die Kultur die Stadt noch retten?“, mit welcher der heutige Abend überschrieben ist, keine echte Überraschung. Den meisten Kulturschaffenden erscheint sie jedoch provokativ, können sie dem doch nur entgegnen: Das tut sie bereits – und zwar täglich! Und auch seit Jahrzehnten. Man stelle sich vor, was von der Urbanität noch bliebe, denkt man sich sämtliche kulturellen Institutionen und Veranstaltungen weg! Natürlich ist die Kultur nicht in der Lage, strukturelle Probleme einer Stadt zu lösen; aber sie sorgt immerhin dafür, dass es sich bei dem ganzen Konstrukt überhaupt noch um eine Stadt handelt -  und nicht nur um eine Wohnstätte mit der Möglichkeit der Nahrungsbeschaffung.

In all ihren Bemühungen sind die Kapazitäten der einzelnen Kulturschaffenden und der kulturellen Institutionen allerdings begrenzt – teilweise empfindlich begrenzt: allein schon durch die Grenzen der körperlichen, geistigen und monetären Belastbarkeit der einzelnen Personen, die sich im Kulturbetrieb aufbrauchen. Soll die Kulturarbeit innerhalb dieser Stadt also wirksamer sein, als sie es bisher ist, muss die dafür notwendige Energie von außen zur Verfügung gestellt werden. Daher stellt sich als erstes die Frage, in welchem Maße und auf welche Weise der Kulturbetrieb von Seiten der Gesellschaft zusätzlich noch unterstützt werden kann – im Gegenzug für kulturelle Leistungen, die sie bereits bekommen hat, die sie aktuell bekommt und vor allem: die sie noch bekommen kann.

Wir wollen diese Frage zumindest teilweise schon beantworten – ohne der späteren Diskussion allzu viel vorwegzunehmen – aber um zwei Begriffe ins Spiel zu bringen, die man im Allgemeinen selten mit der Kulturszene verbindet: das sind: Planungssicherheit und Verlässlichkeit. Außenstehende pflegen  ja gerne das Vorurteil, Kulturschaffende seien luftige Gesellen, die nicht weiter voraus denken als bis zum nächsten Tag und schmetterlingsgleich von Blume zu Blume flattern. Dies mag im Einzelnen auch durchaus der Fall sein und stört weder im privaten Bereich, noch in der künstlerischen Arbeit – aber: so plant man keine Ausstellung, keine Konzertreihe, keine Spielzeit. Planungszyklen von 12 Monaten sind völlig normal und 24 Monate keine Seltenheit. Dies liegt unter anderem daran, dass auch der Kulturbetrieb größeren Strömungen folgt: Jubiläen, Jahrestage, Länderschwerpunkte bestimmen den Rahmen innerhalb dessen sich die Kultur bewegt und „Aktualität“ meint in diesem Zusammenhang nur das, worüber sich die Kulturszene aktuell austauscht – unabhängig von seinem Entstehungsdatum. Und so haben wir dann Gebrüder Grimm Jahre, Mozartjahre, 100 Jahre Bauhaus (2019) und ähnliches. Um in diesem Rahmen bestehen zu können braucht man dann Planungssicherheit und Verlässlichkeit – wenn man aber kommunale Fördermittel für jede Saison, für jede Spielzeit und womöglich noch Projektabhängig immer wieder neu beantragen muss, gerät man unverzüglich ins Hintertreffen, weil der Wettbewerb um die interessanten und publikumswirksamen Exponate oder Interpreten dann längst gelaufen ist. In der Folge kann man nur noch mit der dritten Riege aufwarten – die Bevölkerung sieht das Ergebnis schulterzuckend als provinztypisch an und die Kommunalpolitiker fragen sich, wieso sie für ihr tolles Fördergeld nicht so schöne Sachen kriegen, wie andere Städte. Der Wettbewerb um Kulturstandorte entscheidet sich nicht nur an der Höhe finanzieller Förderungen als auch an ihrer Beständigkeit, Verlässlichkeit und Selbstverständlichkeit! Womit wir diesen kleinen Exkurs an dieser Stelle beenden wollen…

Klar zu stellen bleibt: die Kultur ist in erster Linie nicht dafür da, Städte zu retten oder private und öffentliche Lebensbereiche zu dekorieren, sondern beinhaltet als Ziel ausschließlich sich selbst. Nur wenn die dabei entstehende Kultur wirkkräftig genug ist, vermag sie es, nachfolgend auf ihr Umfeld einzuwirken.

Dem gegenüber muss man an die Adresse der Stadt die Gegenfrage stellen :

„Will sich die Stadt denn überhaupt von der Kultur retten lassen?“

Immerhin bieten kulturelle Projekte und Institutionen eine Handhabe um Gelder, Know-How und Leistungsträger von außerhalb in die Stadt zu ziehen und bestenfalls auch dort zu halten, vom Tagestourismus bei entsprechendem Publikum ganz abgesehen. Dementsprechend müsste es ein Hauptinteresse einer strukturschwachen  Stadt sein, solche Möglichkeiten best möglichst auszuschöpfen. Dieses Interesse lässt sich aber in Itzehoe nicht immer erkennen, wie wir an folgenden Beispielen illustrieren möchten:

A) Die Musik-Akademie in Itzehoe
-war geplant als private Musikhochschule in Kooperation mit der Hochschule Lübeck mit einer Auslastung von 200 Studenten. Die erforderlichen Gebäude sind vom Initiator des Projektes schon vor Jahren eigens für diesen Zweck erworben worden, allerdings hängt der Vorgang beim Bauamt fest und kann einfach nicht realisiert werden. Das endgültige Aus für den Standort kam mit der Änderung des Bebauungsplans, der die beiden Gebäude (die vorher einem Sondernutzungsrecht unterlagen) jetzt als reines Wohngebiet ausweist, womit sie nicht mehr als Hochschule genutzt werden dürfen. Worauf sich der Initiator aus dem Projekt „Musikakademie in Itzehoe“ zurückziehen musste, um eine zeitnahe alternative Nutzung für seine Gebäude zu erarbeiten. Wäre dieses Projekt Gegenstand eines positiven Interesses von Seiten der Politik gewesen, hätte sicherlich die Möglichkeit bestanden, die Verfahren zu beschleunigen und den Standort zu realisieren  – und Itzehoe wäre jetzt Studentenstadt!  Nur zur Orientierung: derselbe Initiator hat bereits vor vier Jahren als Pilotprojekt in Neumünster eine Zusammenarbeit mit der Elly-Heuss-Knapp Schule realisiert, so dass dort jetzt der Schwerpunkt Musikpädagogik  gelehrt wird. Damit positioniert sich Neumünster als Ausbildungsstandort für Musik. Und nicht Itzehoe!

B) Das Hablik-Haus in der Talstraße 14 in Itzehoe
- sollte als Museumsgebäude übernommen werden und dank seiner herausragenden Eigenschaften in der Innenraumgestaltung als Solitär geometrisch-expressiver Gestaltung zum international beachteten Kulturdenkmal avancieren. Dafür wurden hunderttausende von Euro in Aussicht gestellt, die sämtlich von außerhalb getragen worden wären: Gelder der Reemtsma-Stiftung, Landesfördermittel und Mittel des Landesdenkmalschutzes. Als einzige Bedingung war die Unterstützung der Stadt gefordert, die sich zu diesem Projekt bekennen und den jährlichen Unterhalt von Wasser, Strom etc. übernehmen sollte. Dieses hat sie nicht getan. Der gesamte Vorgang wurde  zum Politikum und es ist längst nicht mehr nachvollziehbar aus welchen Sachgründen dieses Vorzeigeprojekt tatsächlich geschasst wurde. Weltweit gibt es vergleichbare Raumsituationen nur noch dreimal: einmal in Frankreich, eine in Norwegen und eine in – Bad Oldesloe. Dort wird entsprechend mit diesem Pfund gewuchert und Bad Oldesloe positioniert sich als Hablik-Stadt. Und nicht Itzehoe!

C) Der Stör-Ewer „Herman“ in Itzehoe
- gehört als geschichtliches Zeugnis zur kulturellen Identität dieser Stadt. Die Geschichte und der Aufstieg der Stadt sind untrennbar mit der Flussschifffahrt verbunden und zur Blütezeit der Stadt, in der halb New-York aus Itzehoer Zement erbaut wurde, leisteten sich die Zementwerke eigene Flotten und es gab allein drei Werften in der Stadt. Als einziger Restbestand einer Flotte von 1000 Schiffen ist hier ein einziger Stör-Ewer erhalten gerblieben, der restauriert werden sollte und dafür eine Ausstellungshalle benötigte. Nach jahrelangen Querelen zwischen einer Betreibergruppe und der Stadt wurde diese Halle dann doch nicht gebaut – und der Ewer der Stiftung Hamburg Maritim übertragen. Dort steht er nun als Prunkstück in den 50er Schuppenanlagen des Museumshafens Hamburg. Damit verlor die Stadt nicht nur ein Vorzeigestück, sondern auch eine Steilvorlage für eine interdisziplinäre kulturelle und soziale Projektarbeit bei der Restaurierung. Welches Potential die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in Zusammenhang mit der Instandsetzung oder dem Nachbau von historischen Schiffen haben kann, lässt sich nämlich am Beispiel Lüneburgs sehr gut ablesen. Der Ewer steht jedenfalls jetzt in Hamburg. Und nicht in Itzehoe!

Hier lohnt es sich einmal, die Frage in den Raum zu stellen, ob die Realisation dieser Projekte nicht viel wichtiger für die Stadt gewesen wäre, als beispielsweise die Eröffnung eines weiteren Supermarktes, der sich nur mit dem Auto erreichen lässt – direkt neben einem Discounter, gegenüber eines weiteren Discounters, welcher neben einem Supermarkt liegt – in Sichtweite zweier Schnäppchenläden. Und ob man die Möglichkeit, in sechs verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten auf einem Fleck denselben Dosenthunfisch erwerben zu können wirklich als „harten Standortfaktor“ bezeichnen möchte…

Allen drei Beispielen ist gemeinsam, dass hier nicht nur wertvolle Chancen vergeben wurden, Kulturstandort und Stadt Itzehoe nach vorne zu bringen, sondern dass sich andere Städte sehr gerne und erfolgreich der abgewiesenen oder vergleichbaren Möglichkeiten  bedient haben. Der Standort Itzehoe bietet aber überhaupt nicht so viele solcher Möglichkeiten, dass man es sich leisten könnte, auch nur eine davon nach Außerhalb abzugeben. Daher stellt sich als zweites die Frage, wie solche Fehlleistungen (und als solche muss man dieses bezeichnen) zustande kommen, und wie man sie verhindern kann. Dieses natürlich unter der stillschweigenden Annahme, die Vertreter der Stadt sehen im Interesse der Kultur auch ein unmittelbares Interesse der Stadt.

Unabhängig vom Verlust dieser drei Möglichkeiten muss auch die verlorene Energie ins Feld geführt werden: Legionen von Arbeitstunden, vielfach unbezahlt, die mit dem Scheitern der Projekte allesamt in den Orcus gespült wurden – und somit dem Kulturbetrieb verlustig gingen!

Ergänzend lässt sich hier noch als aktuelles Beispiel
D) die Ausgestaltung im Quartier „Östlich Hindenburgstraße“ anführen:
Hier sollen im Rahmen einer Sanierung mehrere Figuren aus Stahl aufgestellt werden, die an die Musiker erinnern, welche auch einstmals in den damaligen Kasernen an diesem Standort stationiert waren. Eigentlich wäre eine solche Ausgestaltung der Gegenstand für eine Ausschreibung: „Kunst am Bau“ oder „Kunst im öffentlichen Raum“. Darauf hat man jedoch verzichtet – die Figuren werden vom Planungsbüro der Sanierungsmaßnahme einfach mitgeliefert. Stolz verkündet man in der Presse, man habe absichtlich keine Kunst haben wollen – und so sei es ja auch viel billiger. Damit gibt man natürlich jegliches Instrument aus der Hand, eine individuelle Lösung – und damit eine ernst gemeinte Identifikationsmöglichkeit – zu erarbeiten. Im Bauausschuss wurde bereits darüber debattiert und man ist zu dem Schluss gekommen, die Figuren aus Lochblech herstellen zu lassen, um ein nachträgliches Besprühen durch die böse Jugend zu erschweren. So lange die Gestaltung des Außenraumes auf diesem Niveau diskutiert wird, können sich auch keine positiven Auswirkungen auf den Standort ergeben. Ähnliche Verfahren und Verfahrensfehler haben zu der Gestaltung des Berliner Platzes geführt und zu dem Brunnen im Prinzesshofpark. In beiden Fällen wurde ein ungeschickt gewählter künstlerischer Entwurf so lange zusammengestrichen, bis er sich nicht mehr realisieren ließ. In beiden Fällen hat man dann einen Standartbrunnen einer Katalogfirma installieren lassen. Das Ergebnis ist in beiden Fällen an Belanglosigkeit schwer zu überbieten und schadet der Profilbildung des Stadtbildes. Die Wirkung der Blechkameraden wird ähnlich sein. Noch mal die Fragen: „Kann die Kultur die Stadt retten? Will die Stadt sich retten lassen?“

Ein weiteres Feld welches in diesem Zusammenhang bearbeitet werden muss, ist die Frage nach dem Kulturbegriff: was bedeutet Kultur überhaupt und wer legt fest, was Kultur ist – und was nicht. Für die Bevölkerung Roms im 17. Jahrhundert waren die Überreste des Kolosseums lediglich ein Steinbruch und keine Kultur. Das hat sich erst sehr viel später geändert. Für uns gehören diese Überreste heute unzweifelhaft zum kulturellen Erbe der Menschheit; es ist also eine Entscheidung der Übereinstimmung und des gesellschaftlichen Konsens, was als Kultur angesehen wird.  Am einfachsten lässt sich wohl der Begriff der Kultur eingrenzen, wenn man festlegt, wie sie charakterisiert wird und was sie leisten soll – am Einzelnen und in der Gesellschaft. Dabei sind wir auf folgende Grundaussagen gestoßen, die wir so gewählt und formuliert haben, dass sie sich einem Diskurs zum Kulturstandort anpassen können:

Kultur ist sinnstiftend und identitätsstiftend
Meint: Kultur ist vielleicht nicht in der Lage, die großen Fragen der Menschheit dogmatisch zu beantworten – bietet aber das Instrumentarium, um sich mit diesen Fragen immer wieder auseinander zu setzen. Sie ermöglicht es dem einzelnen Individuum, sich innerhalb der Gesellschaft und der geschichtlichen Entwicklung zu verankern und diese Verankerung auch emotional zu vollziehen.

Kultur ist verknüpfend
Meint: Sie ist in der Lage, geistige Brücken zu schlagen – über räumliche, gesellschaftliche und zeitliche Distanzen hinweg. So wie sich bei einem Bach-Konzert eine Verbindung ergibt zum Leipzig des 18. Jhdts. , verknüpft sich eine norddeutsche Laienspielschar mit der irischen Literatur, wenn sie Samuel Beckett auf die Bühne bringt. Idealerweise reichen diese Verknüpfungen auch weiter als bis zur Gegenwart und betten nicht nur Einzelpersonen, sondern auch ganze Städte in ein Geflecht kultureller Bezüge.

Kultur ist Austausch
Meint: im Gegenzug zur Verknüpfung findet in der Kultur auch ein stetiger Austausch statt, der es erlaubt, externe Inhalte und Positionen in das eigene kulturelle Weltbild einzuspeisen – und somit überhaupt erst grundsätzlich Neues zu erschaffen. Ebenso exportiert dieser Austausch auch eigenes Gedanken- und Kulturgut in andere Standorte und sichert damit sein Überleben als Bestandteil einer neuen, lebendigen Idee.

Kultur ist Bindung
Meint: gemeinsame kulturelle Neigungen und Positionen sind in der Lage, Personen aneinander oder an einen Standort zu binden. Dabei ergeben sich nicht nur Interessengemeinschaften, sondern auch die Möglichkeiten über das kulturelle Angebot Menschen an einem Ort zu halten, sofern sie darin eine Form von  Identifikationspotential erkennen können – oder dort ihrer kulturellen Arbeit nachgehen können.

Kultur ist Auseinandersetzung
Meint: die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit divergierenden Ansichten und Absichten, mit Ausdrucksformen und Inhalten ist eine der Grundvoraussetzungen zur Herstellung, Vertrieb und Rezeption von Kultur. Dementsprechend fördert die Beschäftigung mit Kultur die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit jeglicher Äußerung.

Kultur ist Modell
Meint: durch interne Validität und notwendige Stringenz, also eine Geschlossenheit in Inhalt und Ausdruck bekommen kulturelle Arbeiten einen Modellcharakter, die eine unmittelbare Erfahrung komplexer Zusammenhänge erlaubt. Dadurch ist Kultur in der Lage, auch universelle Aussagen verlustfrei in konkrete Beispiele zu überführen und somit überhaupt erst verhandelbar zu machen.

Kultur ist Bildung
Meint: unabhängig von der Frage welche Kulturtechniken dem konkreten Bildungskanon zugeschlagen werden, ist Kultur auch immer bildend an sich tätig – nicht im Sinne einer zielgerichteten Ausbildung oder didaktischen Manipulation, als vielmehr in einem formenden Prozess, welcher letztendlich das erzeugt, was wir gemeinhin als „Menschen“ bezeichnen ( Im Unterschied zu funktionalen Bezeichnungen wie: Bürger, Arbeitnehmer, Patient, Politiker…).

Anschließend an diese Grundaussagen lässt sich hiermit der dritte große Fragenkomplex formulieren: Ist es dies, was auch die Stadt unter Kultur versteht? Und wenn nicht, was ist es dann? Hat denn die Stadt Ansätze zum Kulturbegriff, die über solche Banalitäten wie Zerstreuung, Dekoration oder der Präsentationsmöglichkeit von Abendkleidern und Ratsherrengarderobe hinausgeht?

Resultierend aus den drei vorweg aufgestellten Fragekomplexen: a) wie kann die Kultur noch gefördert werden b) wie können Fehlleistungen verhindert werden c) wie gestaltet sich überhaupt der Kulturbegriff,  ergibt sich sinnvoller weise der Ansatz eines kulturellen Beirates. Also eines Gremiums von Kulturschaffenden, welche Willens und in der Lage sind, der Stadt als Ansprechpartner und Beratungsmöglichkeit zu dienen. Und von dem die Stadt auch bereit wäre, es als Ansprechpartner zu nutzen und Beratung anzunehmen.
Ein so gestalteter Beirat, bestehend aus Vertretern mehrer Sparten der Kulturlandschaft Itzehoes wäre sicherlich in der Lage, die städtische Verwaltung und die Selbstverwaltung dahingehend zu unterstützen, dass sie – besser als bisher – in der Lage sind, fachlich fundiert kulturpolitische Entscheidungen zu treffen und sinnvolle und funktionierende Verfahren für die Abwicklung von Kultur zu nutzen. Für die dadurch entstehenden Vorteile erscheint die anstehende Arbeit für die Teilnehmer eines solchen Gremiums gerechtfertigt zu sein – gemeinsam im Interesse des Kulturstandortes und somit im Interesse der Stadt.

Einem unvorbereiteten Betrachter mag sich der Eindruck eingestellt haben, in diesem Vortrag ginge es zum Teil um überzogene Forderungen, die von unserer Seite an die Stadt gestellt wurden. Dieses trifft nur begrenzt zu. Die Grundlagen dieser Forderungen ziehen sich nicht aus einem individuell gearteten Anspruchsdenken, sondern aus einem Vergleich und den Erfahrungen mit anderen Städten, in denen die hier postulierten Vorraussetzungen zum Konsens eines Mindestanspruchs gehören. Dementsprechend fungieren auch strukturschwache Kleinstädte und Dörfer als Kulturstandorte, die in Teilgebieten konkurrenzfähiger sind als diese Kreisstadt.

Und hier stehen wir nun, am Ende dieses Vortrags und geben uns wieder mal wollüstig der Selbstausbeutung hin. Denn so sehr sich die Stadt auch gefreut hat, dass wir diesen Vortrag halten – und so sehr wir uns auch gefreut haben, ihn halten zu dürfen und unsere Positionen darzulegen – über ein Honorar wurde in keinem Augenblick gesprochen. Warum eigentlich nicht? So ein Vortrag schreibt sich schließlich nicht von selbst; wir haben uns zu Gesprächen untereinander getroffen, es gab ein einstündiges Treffen mit Herrn Roeder, der Vortrag musste in einer Rohfassung formuliert, von allen ergänzt und anschließend überarbeitet werden – und wir liefern hier Situationsanalysen und Standortanalysen. Dafür werden andere Leute gut bezahlt. Warum wir nicht?

Weil hier immer noch stillschweigend und selbstverständlich angenommen wird, wir täten dies alles ja zu unserem eigenen Nutzen. Dies ist aber nicht so! Nicht bei uns und auch nicht bei Ihnen. Bei keinem der hier anwesenden Kulturschaffenden. Darüber sollten wir uns im Klaren sein: alles, was wir hier kurzfristig und mittelfristig erarbeiten und erreichen können, wird für niemanden von uns einen persönlichen Vorteil bringen. Die langfristigen Folgen sind gar nicht absehbar und selbst wenn sich daraus irgendwann Vorteile ergeben sollten, so steht die Arbeit in keinem Verhältnis zur Ausbeute: es wäre nämlich viel effizienter für jeden von uns, sich in einen anderen – besser funktionierenden – Standort einzuklinken, auch wenn man hier wohnen bleibt. Wessen Nutzen also ist es? Es ist der Kulturstandort Itzehoe, den wir dadurch mit unserem Engagement stärken. Und das sollten wir auch! Aber nicht um den Preis einer Naivität, in welcher wir uns einreden, im Eigeninteresse zu handeln – voller Dankbarkeit – sondern im Bewusstsein einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten und mit dem daraus resultierenden Selbstbewusstsein.

Kleine Meinungsäußerung zum “Runden Tisch der Kulturschaffenden” und der darauf zugrunde liegenden Berichterstattung:

Am 15. September 2012 schrieb die shz in den Itzehoer Nachrichten unter dem Titel “Mehr Selbstbewusstsein!” einen leicht euphemistisch gefärbten Artikel über den zweiten “Runden Tisch der Kulturschaffenden”. Darin wird unser Auftreten, das Verlesen unseres Statements zur Kulturpolitik und unser Beitrag zur Diskussion derselben in Form eines kleinen Flugblattes etwas ungnädig quittiert: “…die Künstlergruppe “Secession” machte nicht mit…”

Nun ist “Secession!” erst einmal keine Künstlergruppe und zweitens sehen wir die Situation natürlich anders, denn schließlich waren wir ja tatsächlich (wenn auch nur kurzfristig) sogar körperlich anwesend und haben einen durchaus ernst gemeinten Beitrag zur Diskussionsrunde geleistet, indem wir eine grundsätzliche Position zur Kulturdebatte zur Verfügung gestellt haben – in der ehrlichen Überzeugung, dass diese Position für eine weitere Diskussion und Kulturfindung unerlässlich ist. Dass wir danach die Runde verlassen haben, war keinesfalls eine PR-Aktion, sondern empfahl sich als stringente Lösung um uns und unsere Aussage nicht ad Absurdum zu führen, indem wir uns doch aktiv an der Runde beteiligen – obwohl die von uns als unerlässlich postulierten Grundvoraussetzungen nun mal nicht gegeben sind.

Sowohl Statement als auch Zitat sind auf diesem Blog verfügbar (siehe unten) und auch dieses war von uns angekündigt – inklusive einer Einladung, über diesen Blog mit uns Kontakt aufzunehmen und noch weiter zu diskutieren (wovon allerdings von Seiten der “murrenden Unverstandenen” bislang kein Gebrauch gemacht wurde).

Aktive Verweigerung sieht jedenfalls anders aus!

Wo waren denn die ganzen Kulturschaffenden, die sich noch beim ersten Treffen so zahlreich eingefunden hatten? Von ehemals 70 Teilnehmern waren 50 gar nicht erst erschienen! Welche Gründe dürfen wir für ihr Fernbleiben vermuten?
Dass von Seiten der Wenzel-Hablik-Stiftung, des Kulturhofes oder des Vereins “Planet Alsen” kein Vertreter gekommen war, dürfte angesichts der kulturpolitischen Desaster der letzten Zeit wohl niemanden ernsthaft verwundern.
Und der Rest? Haben sie sich entmutigen lassen durch die verheerende Signalwirkung, welche die Entscheidungen und Äußerungen von Seiten der Stadt hervorgerufen haben? Waren sie abgeschreckt durch den Verlauf des letzten Runden Tisches? Oder sind sie – ganz unspektakulär aber optimistisch gedacht – einfach der Meinung, eine Neuauflage des Runden Tisches lohne sich erst, wenn die damals als notwendig herausgestellten Schritte umgesetzt sind? Schließlich bestand eine der wichtigsten Schlussfolgerungen des ersten Abends in der Erkenntnis, dass die Zukunft dieser Veranstaltung abhängig ist von einer Erfassung aller Kulturschaffenden in einer zentralen Datenbank, welches einzig und allein von der Stadt sinnvoll betrieben werden kann.
Nun ist es ja bekanntlich leicht, Dinge einfach einzufordern – aber hilfreicher am selben Strang mitzuziehen. Deshalb haben wir bereits im März eine Systematik für ein solches Verzeichnis entworfen und – nach Anpassung und Feinjustierung durch andere kulturelle Institutionen – Anfang April(!) der Stadt zur Verfügung gestellt. Es hätte nur noch umgesetzt werden müssen! Und vielleicht könnte die erlebte Tatsache, dass die Ergebnisse einer Veranstaltung auch die entsprechenden Konsequenzen haben, wieder mehr Kulturschaffende motivieren, zur nächsten Veranstaltung zu kommen (oder einen andersgearteten Beitrag zu leisten). Immerhin wurde der Wille zur Einrichtung einer Datenbank jetzt noch einmal bestätigt. Von allen Bereichen ist es dies, was noch am ehesten zu Hoffnungen berechtigt…